Auf Teufels Ross

Riobamba – Alausi. In dem kleinen südamerikanischen Land ist das Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu empfehlen, also kein Mietwagen. Und das wurde uns von unseren Töchtern auch so ans Herz gelegt. Die Freundinnen haben nach der Matura für einige Monate in einem Kinderheim in Cuenca, knapp 500 km südlich von Quito, gearbeitet, dabei die Spanisch-Kenntnisse verbessert und das Land bereits ein wenig kennengelernt. Wir wollen nun gemeinsam auf Tour gehen, zum Teil auf der „Straße der Vulkane“. Diese verläuft in Nord-Süd-Richtung, vielfach deutlich über 2000 Metern Seehöhe. Erstes Zwischenziel ist Baños auf gut 1800 Metern. Auch Baños hat mit dem Tungurahua (5000 Meter) seinen „Hausvulkan“. Er ist der aktuell aktivste der Region und ein Jahr nach unserer Reise ausgebrochen, wodurch auch der Ort betroffen war. Der jüngste Ausbruch war 2014.

Man ist regelrecht umzingelt von Vulkanen ...
Von Baños aus müssen wir zuerst den Tungurahua umrunden und kommen ihm ziemlich nah.

Wir fahren mit dem Bus weiter nach Riobamba, dem Ausgangspunkt für unsere abenteuerliche Zugfahrt. Die Straße windet sich durch die Berge, wir umrunden den Tungurahua und plötzlich ist der Asphalt unter dem dunkelgrauen Staub kaum noch zu erkennen. Links und rechts erheben sich bedrohlich wirkende Wände aus Vulkanasche und -gestein. Eindeutig, dass es noch nicht lange her ist, als die Straße offenbar verschüttet worden war und wieder durch diesen Schuttberg gegraben werden musste. Der Vulkan zeigt sich, wenn immer wir ihn in den Blick bekommen, mit einer warnenden Rauchfahne. In Riobamba angekommen, sind wir wieder auf 2700 Meter geklettert. Wie schon in Quito spüren wir auch hier bei körperlicher Aktivität die Höhe. Auf einem Hügel liegt ein Park, von dem aus man einen überwältigenden Blick auf die umliegenden Vulkane hat: der rauchende Tungurahua, die Caldera des inaktiven El Altar, der vor der Explosion weit höher gewesen sein muss, und … der Chimborazo, der Star unter den Vulkanen und mit ca. 6300 Metern der höchste Berg Ecuadors.

Westlich des Vulkans die Spuren seiner Aktivität: die Straße ist regelrecht durch Vulkanasche und -schutt gegraben.
Schließlich wenden wir uns nach Süden und lassen den bedrohlich rauchenden Kegel langsam hinter uns.

Riobamba

Riobamba ist eine recht lebendige Andenstadt mit immerhin etwa 225000 Einwohnern. Vom etwas erhöht liegenden Park hat man einen wunderbaren Rundumblick auf die Vulkane, 2. Reihe von links: der rauchende Tungurahua, der mächtige Chimborazo und rechts im Hintergrund die Caldera des El Altar.

Zwischen den Häuserschluchten erhascht man immer wieder einen Blick auf den Chimborazo.

Relativ bald ziehen wir uns in unsere Schlafkammern zurück, weil wir früh wieder aufstehen müssen. Viel mehr als eine Schlafstelle können die Zimmer auch nicht bieten. Der Eingang des Hotels ist modern, das großzügige Treppenhaus mit Empore älter und wirkt kolonial mit den hohen, doppelflügeligen, türkis gestrichenen Zimmertüren. Die Zimmer hinter diesen sind allerdings enttäuschend und erinnern eher an ein Gefängnis: ein schmales kleines Fenster, das Bett und eine nachträglich eingebaute, wenig einladende Nasszelle. Ein Schluck aus dem Flachmann mit heimischem Hochprozentigen kann hoffentlich als Schlafmittel dienen. Um 6 Uhr müssen wir bereits an der Bahnstation sein. Die Plätze dieser Touristenattraktion sind begrenzt und entsprechend begehrt. Wir schlafen unruhig, zum einen, weil es kühl und nicht besonders bequem ist, und zum anderen in Erwartung der Ereignisse des kommenden Tages.

Am folgenden Morgen sind wir tatsächlich rechtzeitig zur Stelle, die Formalitäten sind schnell erledigt, wir haben Tickets. Es gibt nichts mehr zu tun, sodass wir relativ bald auf das Waggondach klettern. Das ist, oder besser war (nach neuen Informationen) die Besonderheit. Der Großteil der Passagiere sitzt auf den typisch leicht gewölbten Dächern, gesichert nur durch ein ca. 50 cm hohes Eisengeländer. Während der Fahrt sollte man sich also immer irgendwo festhalten. Man erreicht das Dach über eine an der Seitenwand des Wagons befestigte Eisenleiter.

Eine Besonderheit dieser Zugeinheit, die wir erst während der Fahrt richtig wahrnehmen, sind die „Bremser“. Drei Männer stehen an großen Drehrädern, die sich ebenfalls auf dem Dach befinden. Geht es bergab, bedienen sie mit diesen die Bremsen an den Waggons. Offenbar wird das nicht ausreichend von der Garnitur bewerkstelligt oder ist gar nicht vorgesehen (Auflaufbremse?). Immerhin handelt es sich um wohl ältere Güterwaggons, nur der letzte ist ein – allerdings ebenso alter – mit Personenabteil.

Es ist um diese Zeit noch empfindlich kühl auf dem Waggondach.
Das Zugpersonal lässt eben noch die Schuhe aufpolieren.

Es scheint sich schönes Wetter einzustellen, zu dieser frühen Stunde ist es aber noch empfindlich kühl. Aufgrund des Andrangs werden scheinbar spontan noch Wagons angehängt und das braucht seine Zeit, sodass wir schließlich eineinhalb Stunden auf die Abfahrt warten. Die Zeit scheint dahinzukriechen. Das Zugpersonal nimmt eben noch in aller Ruhe die Dienste von herbeigeeilten Schuhputzern in Anspruch, bevor alles für die Abfahrt vorbereitet wird. Die Kupplungen spannen sich und mit ein paar Rucken setzt sich der von einer kräftigen Dieselmaschine gezogene Zug langsam in Bewegung und verlässt die Station. Zum frischen morgendlichen Wind kommt nun noch der Fahrtwind dazu. Wir ziehen die Köpfe ein, schließen die Reißverschlüsse unserer Windjacken und hoffen auf die ersten Sonnenstrahlen. In Ecuador herrschen ob der Äquatornähe ganzjährig gemäßigte Temperaturen. In der Höhenlage kühlt es nachts dennoch deutlich ab. April ist nicht die beste Reisezeit in dieser Region, wir sollen jedoch heute von Regen verschont bleiben.

Die hohe Sitzposition erweist sich als sehr vorteilhaft. Während sich der stählerne Koloss langsam durch die Berge schlängelt, erhaschen wir immer wieder Blicke auf die Vulkane, besonders der Chimborazo ist lange dankbares (Foto-) Opfer. Der Tungurahua raucht noch bedrohlicher, als am Abend zuvor, allerdings in einer Entfernung, die für uns keinerlei Gefahr birgt. Entlang der Strecke beobachten wir vom hohen Ross aus Ecuadorianer, zum Teil in traditioneller ländlicher Kleidung, die Vieh hüten, auf einem Pfad dahingehen oder uns von kleinen Häusern aus zuwinken. Nach ca. dreieinhalb Stunden stoppt der Zug zum ersten Mal, regulär in der Estation Guamote, einer kleinen Bahnstation mit wenigen Häusern in der Nachbarschaft. Vor dem Bahnhofsgebäude ist indigene Handwerkskunst zum Verkauf ausgelegt. Infrastruktur wie Imbiss und Sanitäranlagen ist kaum vorhanden. Nach einer knappen halben Stunde geht es weiter.

Kurz nach der Abfahrt letzte Blicke auf den rauchenden Tungurahua

Unterwegs ...

Der Chimborazo kommt lange Zeit immer wieder ins Blickfeld; ganz rechts der kleine Carihuairazo.

1. Reihe: Einziger offizieller Zwischenstopp in der kleinen Station Guamote; 2. Reihe: Für die Bewohner entlang der Strecke ist es wohl ein gewohntes Bild; 3. Reihe: inoffizieller Stopp – unvorhergesehenes Hinderniss ... nach weniger als einer halben Stunde kann es wieder weitergehen.

Plötzlich, zwischen felsigen Berghängen in einer Kurve, stoppt der Zug. Was ist los? Wir befinden uns relativ weit hinten und können vorerst nichts sehen. Als keine Anstalten zur Weiterfahrt gemacht werden, beginnen im vorderen Bereich die ersten Fahrgäste vom Dach zu klettern und nach vorn zu gehen. Wir folgen dem Beispiel wie noch einige weitere. Und dort sehen wir die Ursache: Ein stattlicher einzelner Felsbrocken liegt genau auf den Gleisen. Man könnte fast meinen, er wäre gezielt dort platziert worden, da sonst kaum Geröll zu entdecken ist. Da aber in der Folge kein Überfall stattfindet, scheint es doch Zufall gewesen zu sein. Wohl sogar ein glücklicher, da weder der Zug getroffen worden war noch die Gleise beschädigt. So konnte nach Entfernen der Behinderung mit vereinten Kräften die Fahrt fortgesetzt werden. Dieses Steinschlagrisiko ist neben der Methode der Personen-Beförderung mit ein Grund für die geringe Geschwindigkeit.

Der Felsbrocken muss von den Schienen entfernt werden.
Zur Teufelsnase wird die Fahrtstrecke wieder etwas abenteuerlicher. Immer wenn es bergab geht, fungiert das Personal auf den Wagons stehend mittels Drehrädern als Hilfsbremser.

Wir steuern nun La Nariz del Diablo, die Teufelsnase, an. Dieser Abschnitt ist das eigentliche Ziel für Reisende, die nicht wie wir die ganze Strecke von Riobamba nach Alausi fahren wollen, und von Alausi aus schnell erreichbar. Der Zug muss nun am Hang der steilen 100 Meter hohen Felsnase hinunter in einen Taleinschnitt fahren. Das ist aber nicht durchgehend möglich, sodass er die Strecke abwechseln vorwärts und rückwärts pendelnd bewältigen muss. Unten, Dead End, pausieren wir kurz, bevor es in gleicher Technik wieder hinauf geht und schließlich den letzten Abschnitt nach Alausi. Dieser hat es in sich, da man mitunter am Steilhang beängstigend entlangschaukelt, da der Gleiskörper nicht in perfektem Zustand ist; der dritte Grund für die geringe Geschwindigkeit. Und wenn man buchstäblich im Blick hat, dass man nur durch ein paar dünne Eisenstangen vor dem 200 Meter tiefen Abgrund geschützt wird …

Letzte Etappe

Die Teufelsnase, nur mit einem technischen Trick mit dem Zug erreichbar ... das Zugpersonal hat kurze Pause ... anschließend schaukeln wir in luftiger Höhe am Berghang in Richtung Alausi.

Als wir an der Bahnstation Alausi vom Stahlross hinabsteigen, müssen wir erst einmal durchatmen. Wir waren acht Stunden Gesamtzeit unterwegs, bereuen jedoch nicht, uns diese Strapaze zugemutet zu haben, denn das Erlebnis war unvergesslich. Manche Reisende melden in diversen Portalen, dass die Fahrt von Alausi zur Teufelsnase nicht wirklich interessant ist. Sie ist ja auch ziemlich kurz und hat keine Vulkanaussicht zu bieten. Im Sinne des Abenteuers ist es schade, dass gemäß aktueller Reiseinfos das Fahren auf dem Dach sitzend heute nicht mehr möglich ist. In einem vermutlich geschlossenen Abteil ist die Aussicht nicht halb so gut, der Rundumblick fehlt. Wenngleich auch Ähnliches, z. B. auf einer „historischen“ Strecke in einem Zugabteil mit geöffneten Fenstern – erlebt in den Horton Plains im Herzen Sri Lankas ­– dennoch ein reizvoller Reiseabschnitt sein kann.

Am Bahnhof in Alausi halten wir uns gar nicht lange auf. Der kleine Ort ist nur Bahnstation und unser Ziel ist Cuenca, noch ein gutes Stück weiter südlich. Kurze Zeit später sitzen wir bereits in einem komfortablen Reisebus …

Geschafft! Ankunft am Ziel dieses Reiseabschnitts

Andenzug Riobamba - Alausi, Ecuador

Schreibe einen Kommentar

Was ist die Summe aus 1 und 7?