Corrida de Toros

Sevilla, Spanien. Wir reisen diesmal durch Andalusien. Die südliche Provinz Spaniens ist hinsichtlich Fahrtstrecken überschaubar und die Ziele für die 14-tägige Kulturreise sind nach ein paar Recherchen festgelegt. Wir haben den zeitlichen Ablauf fixiert und sämtliche Quartiere gebucht. Mit einschlägigen Portalen ist das sehr komfortabel und ich hielt das in diesem Fall für zweckmäßig, da die meisten Unterkünfte in größeren Städten sind. Es hat sich als gute Entscheidung herausgestellt und sicher dazu beigetragen, dass diese Reise eine unserer „entspanntesten“ jüngerer Zeit ist.

Am Abend des dritten Tages erreichen wir Sevilla, die Provinzhauptstadt, und beziehen unser Hotel für drei Nächte. Am nächsten Morgen, auf dem Weg zur Kathedrale, passieren wir die Stierkampfarena und werden auf ein Ankündigungsplakat aufmerksam. Wir überlegen – ein besonderes Programm haben wir für Sevilla nicht – und fragen nach, in der Annahme, dass ohnehin so kurzfristig keine Tickets zu bekommen sind. Falsch vermutet, kurz darauf haben wir unsere Eintrittskarten für den Abend des folgenden Tages in der Tasche. Wir sind gespannt, was uns erwarten wird, und setzen erst mal unsere Stadtbesichtigung fort.

Rechtzeitig sind wir vor Ort, um in aller Ruhe das richtige Eingangstor und unsere Plätze zu finden. Einige der Besucher – sicher Einheimische – diskutieren bereits angeregt; vielleicht über die Wahl der Stierkämpfer, deren Fähigkeiten oder wie sie sich heute schlagen werden. Wir haben von all den Details keine Ahnung und erfahren erst kurz vor Beginn von Sitznachbarn und aus dem Programmheft „einigermaßen“, wie der grundsätzliche Vorgang sein wird. Den sachlich exakten Ablauf recherchieren wir erst nach der Reise. 7 Stiere werden nacheinander in die Arena geführt und … was dann jeweils abläuft, haben wir so nicht erwartet.

Tickets für die Corrida am folgenden Tag noch zu bekommen? Ja!
Über den ehemaligen Flusslauf des Guadalquivir blickend erhebt sich nicht weit hinter der Arena die Kathedrale von Sevilla.
Wir werden die Arena durch einen weniger imposanten Seiteneingang betreten.
Gegenüber unseres Eingangs tauschen sich die wohl vorwiegend Einheimischen noch eben zum bevorstehenden Kampf aus?
Gemächlich, weil noch eine halbe Stunde vor Beginn, wenden wir uns dem Eingang zu.
Langsam füllen sich die Sitzreihen, ausverkauft wird die Veranstaltung aber nicht sein.

Zu Beginn der Veranstaltung ziehen die Protagonisten durch die Arena, akustisch begleitet von „Paso Doble“, der bekannten Stierkampf-Melodie. Selbige wird zu bestimmten Phasen jedes Kampfs, also bei jedem Stier, wiederholt: z. B. während der Kampfszenen des Matadors mit dem Stier im dritten Abschnitt oder wenn er, der Matador, abschließend eine Ehrenrunde geht und zum Ende der Corrida.

Die Matadore ziehen ein.
Die Picadores bestreiten jeweils den ersten Kampfabschntt.
Die wie Fleischer gekleideten Gesellen erledigen die Aufräumarbeit am Schluss eines jeden Kampfs.

Nachdem der Einzug abgeschlossen ist und alle ihre Position eingenommen haben, wird der erste Stier in die Arena eingelassen. Im ersten Teil „studieren“ Matador, der mit purpurnem Tuch bestückte „Star-Torrero“, weitere Torreros mit gelb-purpurnen Tüchern und Picadores zu Pferd den Stier. Tatsächlich reizen sie ihn und die Picadores fügen ihm mit ihren Lanzen Stichverletzungen im Nacken zu, wodurch er zum Absenken des Kopfs gezwungen wird – für den späteren Todesstoß durch den Matador nötig. Ab nun nimmt die programmgemäße Tierquälerei ihren Lauf.

Im zweiten Teil versuchen mehrere Banderilleros, dem Stier drei Paar der Banderillas, mit bunten Bändern versehene Spieße mit Widerhaken, in den Nacken zu stoßen, um ihn weiter zu schwächen. Dies aber ohne dabei die Stelle, an der der Matador den Todesstoß setzen wird, zu verdecken. Der Stier soll ebenso wie durch die Picadores auch nicht zu sehr geschwächt werden, damit für den dritten Kampfabschnitt genug Spannungspotenzial erhalten bleibt. Sind die Banderilleros nicht erfolgreich genug – 4 Banderillas sollen stecken bleiben –, so wird das vom „Fachpublikum“ ebenso abwertend „kommentiert“ wie eine zu starke Verletzung des Stiers.

Im dritten Teil kommt die „Stunde des Matadors“. Er wird vom Publikum durch die Qualität seiner Kampfszenen und die Eleganz, mit der er diese ausführt, bewertet; mit zumindest Raunen bei Unzufriedenheit oder entsprechendem Applaus spätestens nach dem Todesstoß. Beeindruckende Verrenkungen vollführen die Matadore tatsächlich, wenn sie einen Angriff des Stiers mit dem Tuch parieren. Allerdings stellt sich die wahre Klasse des Kämpfers dann bei der Ausführung des Todesstoßes heraus. Einer schafft es tatsächlich nach mehreren Versuchen nicht. Das „Fachpublikum“ wird spür- und hörbar unruhig. Schließlich, mit Unterstützung der Kollegen und durch den dann doch sichtlich erschöpften Stier, gelingt es. Applaus bringt es diesmal nicht.

Der getötete Stier wird mit drei kräftigen Pferden, begleitet von vier Männern, so ganz anders als die Stierkämpfer aussehend, weil sie wie Fleischer gekleidet sind, aus der Arena geschleift. Nach kurzer Pause beginnt das grausame Procedere mit dem nächsten Stier von vorn. Einen außergewöhnlichen Verlauf verursacht einer der Stiere durch sein Verhalten. Er stürmt gleich zu Beginn derart wild auf eine der Zugangs-Barrieren, hinter die die Toreros bei einem Angriff flüchten, zu, dass ihm ein Horn bricht. Dieser Kampf wird „natürlich“(?) sofort abgebrochen. Der Stier wird mit ein paar Artgenossen aus der Arena gelockt. Hat er Glück und bekommt auf einer Weide sein Gnadenbrot oder – schneller gestorben als in der Arena – den Gnadenschuss? Wir wissen es nicht. Jedenfalls füllt ein Stier von der Ersatzbank die programmatische Anzahl wieder auf.

Erster Abschnitt

Die Picadores beginnen die grausame Prozedur. Sie sollen dem Stier „moderate“ Verletzungen im Nacken zufügen.
Toreros „studieren“ den Stier gemeinsam mit den Picadores.
„Feiglinge ...“

Zweiter Abschnitt

Nun sind die Banderilleros an der Reihe ...
... und mit Akrobatik bei der Sache.
Sie können oft gerade noch rechtzeitig ausweichen.

Dritter Abschnitt

Waren die Banderilleros nicht erfolgreich genug, muss der Matator noch Banderillas setzen.
Erst nach einigen „spektakulären“ Kampfszenen wird der Todesstoß vorbereitet.
Das Ende der Qual ...

Ein Sonderfall

Einer der Stiere stürmt gleich zu Beginn derart rasant auf den Holzverschlag zu ...
... dass ihm das rechte Horn bricht. Dadurch wird ihm die Quälerei erspart bleiben, denn ...
... Weiterkämpfen unter diesen Bedingungen offenbar unerwünscht! Er wird mit ein paar Artgenossen aus der Arena gelockt.

Zwischen Tradition, Anmut und Tierquälerei

Mit welchen Empfindungen verlassen wir diese Veranstaltung? Mit sehr ambivalenten jedenfalls. Einerseits kann man sich bis zu einem gewissen Grad nicht der traditionellen Atmosphäre der Veranstaltung, der Eleganz der Bewegungen der Matatore entziehen. Andererseits sind wir „erschlagen“ von der schonungslosen Vorgehensweise, nacheinander 7 Stiere systematisch zu Tode zu quälen. Anfangs denken wir noch, ‚Wird dieser Stier jetzt überleben?‘, bis wir verstanden haben, dass das Schicksal jedes Stiers in der Arena von vornherein besiegelt ist; außer er „disqualifiziert“ sich vorzeitig (siehe Beispiel oben). Dennoch bleiben wir bis zum Schluss und erholen uns anschließend bei einem Drink am Canal de Alfonso XIII, dem ehemaligen Flusslauf des Guadalquivir nicht weit von der Arena entfernt.

Es war unser erster und letzter Stierkampf. Hauptsächlich in Spanien, aber auch in Portugal und vereinzelt in lateinamerikanischen Ländern, wird diese rohe Tradition gepflegt. In Spanien gehen Belege bis ins 13. Jahrhundert zurück. Vom einen Herrscher wurde es mal verboten, vom nächsten wieder erlaubt und wird heute vielerorts abgelehnt bzw. scharf verurteilt – nicht unbegründet ...

Tief durchatmen nach der Veranstaltung am Canal de Alfonso XIII, dem ehemaligen Flusslauf des Guadalquivir

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