Elche, Bären und Wölfe

Algonquin Provincial Park. Richtigstellen möchte ich gleich: Gesehen haben wir in freier Wildbahn (zum Glück?) keine Bären und Wölfe – Letztere hören wir im Backcountry einmal in der Ferne –, sondern nur eine Elchkuh mit ihrem Kleinen beim Äsen im seichten Wasser. Den Bullen konnte man gelegentlich hören, er zeigte sich jedoch nicht. Warum „nur“ Elche? Es ist ein wunderbares, entspanntes Erlebnis. Wir können uns mit unseren Kanus vom offenen See vorsichtig nähern, sie beobachten und natürlich fotografieren; die beiden lassen sich jedenfalls nicht aus der Ruhe bringen.

Von Huntsville aus dringen wir auf dem Highway 60 in den Algonquin Provincial Park vor.

Aber von Anfang an. Auf unserer Reise im Osten Kanadas haben wir nach Toronto und den Niagara Fällen eine 3-tägige Kanufahrt auf dem Rock Lake und dem Pen Lake im riesigen Algonquin Provincial Park am Programm. Am Vorabend überlegen wir uns im Supermarkt unseren Menüplan für die Wildnis. Am Morgen Check-in im Parkoffice. Nach wenigen Kilometern im Park der erste Stopp: Ein junger Elch äst gemächlich wenige Meter neben der Straße und lässt sich von den haltenden Autos und fotografierenden Touristen nicht stören. Wir vergewissern uns, dass es sich nicht um eine Inszenierung handelt: nein, er ist nicht angebunden. Wir müssen noch ein gutes Stück Weg bis zum vereinbarten Übergabeort der Kanus im Park zurücklegen, die letzten Kilometer auf Gravel Road, Schotterstraße … Wir treffen kurz vor der vereinbarten Zeit am Parkplatz am See ein. Außer uns sind nur wenige Personen hier, eine zweite Partie macht gerade ihre Boote fertig und startet kurz darauf. Perfekt: Kurz nach uns taucht bereits ein Van mit Bootsanhänger auf. Das müssen unsere Boote sein.

Information beim Park Office. Wir werden uns im Bereich (rote Markierung) des südlichen Zipfels des riesigen Parks aufhalten.
Der erste Parkbewohner empfängt uns, kurz nachdem wir das Parkoffice passiert haben.
Schließlich biegen wir vom Highway 60 ab und erreichen über eine Gravel Road (Schotterstraße) nach ein paar Kilometern unser Ziel.
Kurz nach uns trifft auch schon der Bootstransporter ein.

Wir 4 Alpenländer sind sehr gespannt auf das geplante Abenteuer. Zuerst, ob das von Österreich aus gebuchte „Kanugeschäft“ planmäßig abgewickelt werden kann. Die Formalitäten – grundsätzlich bereits per Mail-Vereinbarung festgelegt – sind dann tatsächlich überraschend unkompliziert erledigt. Offene Punkte sind schnell geklärt, wie z. B. die Miete eines Foodlockers – verschließbarer Behälter zur Nahrungs-Aufbewahrung beim Campen zum Schutz vor Wildtieren wie Bären.

Der Mitarbeiter des Veranstalters ist derart entspannt und zweifelt offenbar nicht im Geringsten an unseren Fähigkeiten, mit den Kanus umzugehen und uns in der Wildnis zurechtzufinden. Ob er weiß, dass wir, lediglich mit einer normalen Karte des Seengebiets und einem GPS-Gerät ausgerüstet, relativ wenig von der Gegend wissen? Außer dass man sich verirren kann, wenn man zu weit ins Gelände vordringt. Wohl haben wir uns über die Technik des Kanufahrens informiert. Ist ja kein Ruderboot. Ein wenig nordamerikanische „Naturerfahrung“ – z. B. Stichwort Wildtiere und Foodlocker – haben wir von unserer fantastischen Tracking-Tour „Top-down und Bottom-up“ im Grand Canyon (siehe Bericht dazu), im Südwesten der USA.

Am späten Vormittag sind wir dann soweit, beladen die Kanus und paddeln los.
Es ist warm, doch der Gegenwind veranlasst uns, in Ufernähe zu bleiben.

Schnell ist der Bootstransporter wieder weg und überlässt uns unserem Schicksal. Manchmal wundert man sich einfach, wie unkompliziert etwas ablaufen kann. Wir packen unsere sieben Sachen in die Kanus und versperren das Auto. Wir lassen natürlich einigen unnötigen Ballast zurück. Der Parkplatz liegt recht einsam und dementsprechend sind wir etwas beunruhigt hinsichtlich Diebstahlrisiko – glücklicherweise erweist sich die Sorge im Nachhinein als unbegründet.

Am späten Vormittag besteigen wir schließlich vorsichtig die beladenen Kanus. Die Seitenstabilität der Boote darf man nicht überschätzen, wenngleich sie nicht so stark schwanken wie befürchtet. Wir sollten uns nun relativ schnell „einpaddeln“, da wir bis zum Abend den ersten See, den Rock Lake durchqueren, die Kanus über einen Verbindungsweg zum anschließenden Pen Lake tragen und diesen auch noch teilweise durchqueren müssen. Über 10 Kilometer Kanufahrt und die Tragepassage, Portage genannt, werden einige Zeit in Anspruch nehmen. Anschließend müssen wir einen (noch freien) Zeltplatz suchen, Zelte aufstellen, ein wenig essen …

Wir haben eine Tour gewählt, bei der die Portage-Strecke nicht allzu lang ist, gut dreihundert Meter. Ganz ohne wäre nicht möglich gewesen, wenn man nicht im Rock Lake hätte bleiben wollen. Der liegt aber so nah an der Zivilisation, mit einigen Privathütten entlang der Ufer, dass sich die schon bei der Planung getroffene Entscheidung zu weiterem Vordringen ins Backcountry im Sinne des Abenteuers als richtig erwiesen hat. Wir haben Gegenwind, bewegen uns also nahe den bewaldeten Ufern.

Portage: Kanus entladen und Transport vorbereiten. Das nackte Kanu hat etwa 25 kg und die mittlere Strebe ist wie ein Joch geformt, so dass es von einer Person auf den Schultern getragen werden kann. OK, die Männer haben beschlossen, das stilgerecht wie auf dem an der Anlegestelle angebrachten Schild angezeigt durchzuführen. Die Damen nehmen schon mal einen Teil des Gepäcks mit. Ein zweites Mal muss ohnehin gegangen werden. Der Pfad ist feucht, und etwas schlammig, teilweise mit Holz stabilisiert. Das Kanu auf den Schultern zu balancieren und nicht auszurutschen, ist eine Herausforderung. Wir schaffen es! Boote wieder beladen, einsteigen und lospaddeln.

Wir bewegen uns Richtung Süden in die Tiefen des mit Seen überschütteten National Parks.
Aha, so wird das Kanu stilgerecht transportiert und dort geht es entlang ...
Gut 300 Meter müssen wir jetzt alles über Land transportieren.

Der Pen Lake ist länger und schlanker, daher der Name, und nicht mehr ganz so windanfällig. Und vor allem: hier hat man das Gefühl, fernab von jeglicher Zivilisation zu sein. Nach kurzer Paddelstrecke und einer Engstelle aufgrund niedrigen Wasserstands haben wir Blick auf den See. Wir begegnen einer Paddler-Gruppe auf deren Rückweg und entdecken kurz darauf in einiger Entfernung etwas auf dem See, das ebenfalls nach Kanus aussieht. Intuitiv beschließen wir, nicht am östlichen Ufer zu bleiben, sondern in deren Richtung zu paddeln. Allerdings müssen wir daran denken, noch rechtzeitig einen der wenigen markierten Campgrounds zu finden. Wild campen ist auch hier nicht erlaubt.

Und richtig: Die Kanus stehen dort nahe des Ufers und die Insassen beobachten die eingangs erwähnte Elchkuh. Wunderbar! Die andere Gruppe entfernt sich gleich darauf. Wir lassen die Kanus treiben, verweilen andächtig – und fotografierend – noch einige Minuten und überqueren den See anschließend wieder, da sich die Campgrounds an der Ostseite befinden. Ersten gefunden, aber … bereits besetzt, zwei Männer stehen am Ufer, wie wir beim Näherkommen feststellen. Wir grüßen und machen Anstalten, an Land zu gehen, was jedoch prompt von den beiden abgelehnt wird. Sie verweisen auf den nächsten Platz.

Die Gepflogenheiten hatten wir nicht so detailliert recherchiert: Es gilt das „first come first served“-Prinzip. Wer zuerst da ist, kann weitere Personen an der Nutzung desselben Platzes hindern, wenn keine Notsituation vorliegt. Wir mussten ja den Aufenthalt in der Gegend im Vorhinein buchen; es werden also nur eine sehr begrenzte Anzahl Personen bzw. Gruppen für ein Gebiet zugelassen – entsprechend den verfügbaren Campgrounds. Wir fragen noch einmal und werden nun sehr energisch abgewiesen. Es folgt ein kurzes Wortgefecht. Wir sind verwundert über die Unfreundlichkeit und paddeln von dannen. Etwa eineinhalb Kilometer weiter finden wir gemäß Plan den nächsten, diesmal freien Platz. Geselligkeit scheint hier nicht das Gebot der Stunde zu sein.

Wir haben an sich keine Wahl, weil keine Zeit mehr, der Platz gefällt uns aber ohnehin sehr gut und liegt geschützt. Es ist schon relativ spät. Wir ziehen die Kanus an Land, bauen schnell in Ufernähe die kleinen Zelte auf, bereiten den Foodlocker vor. Es dämmert bereits und wir besichtigen die Infrastruktur, die nur aus einer Feuerstelle besteht, die wir auch gleich in Betrieb nehmen. Wir haben kleine Grillwürste, Teig für Pizzastangen(!) und sicherheitshalber auch eine Packung Brennholz mitgebracht. Lagerfeuer-Romantik, wie man sie sich vorstellt. Hunger haben wir inzwischen auch. Das mitgebrachte Brennholz erweist sich als Schatz, da sonst wenig trockenes Material zu finden ist.

Zeltplatz gefunden, Boote vorsorglich an Land gebracht und Zelte aufgebaut ...
Lagerfeuer-Romantik mit Grillwürsten und Pizzabrot
Die letzten Sonnestrahlen, der Himmel ist bereits weitgehend bedeckt.

Die erste Nacht im Zelt, in einem fremden Land mit „gefährlichen“ Wildtieren, ist für Alpenländer gewöhnungsbedürftig. Wir warten, bis das Feuer heruntergebrannt ist und begeben uns zur Ruhe. Es ist kühl geworden, die Schlafsäcke sind notwendig. Wir lauschen angespannt in die Nacht, bei jedem Knacken fragen wir uns, um welches Tier es sich gehandelt haben könnte. Schließlich schlafen wir doch ein, müde von dem sportlichen Tagesprogramm. Wir haben entsprechend den dringenden Empfehlungen für derartige Unternehmungen keine essbaren Sachen im Zelt, sondern alles in dem fest verschlossenen Foodlocker-Fass verstaut und selbiges an einem Seil hängend an einem Ast hochgezogen.

Geruch von Essbarem im Zelt lockt Wildtiere an. Das ist an sich bereits gefährlich, wenn sich Bären oder Wölfe in der Nähe befinden. Diese müssen dabei gar nicht Verhaltens-auffällig sein. Noch etwas brenzliger wird die Situation, wenn genau das der Fall ist: Vor ein paar Jahren war angeblich in der Gegend ein unüblich aggressiver Bär unterwegs, der grundlos Menschen angegriffen hat; unabhängig von Nahrungssuche und Jungtierschutz. Er soll von Wildhütern daraufhin getötet worden sein.

Unser Foodlocker wurde von der „Zielgruppe“ nicht auf ausreichenden Effekt getestet ... glauben wir jedenfalls.
Am zweiten Tag nieselt es und wir fahren nicht mit den Booten aus. Etwas Abwechslung bietet die Beobachtung der Loons, hervorragende Langstrecken-Taucher, die uns auch am Morgen des dritten Tages wieder besuchen.

Am kommenden Morgen Ernüchterung: feiner Nieselregen hat eingesetzt. Nach dem zwar bewölkten, aber schönen ersten Tag ist das etwas enttäuschend. Unter den Bäumen und auf dem Waldboden hat das keine schlimmen Auswirkungen, doch die geplante Erkundungstour per Kanu zum Ende des Sees fällt ins Wasser. Es bleibt den ganzen Tag so. Außer der Beobachtung von Loons, hervorragend tauchenden Wasservögeln, und einem kleinen Waldspaziergang ist nicht viel zu tun. Unsere zweite Nacht verbringen wir hinsichtlich Geräuschkulisse schon etwas entspannter und der nächste Morgen: strahlend blauer Himmel! Die Sonnenstrahlen treffen zwar noch nicht auf unseren Zeltplatz – wir befinden uns am Ostufer –, doch ist die Stimmung wiederhergestellt und es verheißt gute Bedingungen für die Rückfahrt.

Wir packen in Ruhe, lassen die Kanus zu Wasser und paddeln los. Da es am Camp Ground noch immer sehr kühl ist, haben wir das Frühstück verschoben. Wir finden am gegenüberliegenden Ufer einen wunderbaren Platz, einen „Frühstücksfelsen“, und lassen uns von den Sonnenstrahlen wärmen. Es ist zwar wieder windig, wir paddeln aber bei wolkenlosem Himmel entspannt zurück. Die weitere Erkundung des Sees haben wir aus Zeitgründen streichen müssen. Die Portage-Passage ist nach dem Regen noch etwas rutschiger, wir meistern sie dennoch ohne Zwischenfall. Am Parkplatz ist alles in Ordnung, wir lassen wie vereinbart die Kanus einfach zurück und fahren in Richtung des nächsten Etappenziels, Ottawa, und übernachten in einem hübschen kleinen Landhaus ein gutes Stück außerhalb des Parks.

Der dritte Tag bringt strahlenden Sonnenschein, die Loons sind auch wieder da. Zum gemütlichen Frühstücken fahren wir auf die Sonnenseite des Sees. Anschließend machen wir uns ohne Stress auf den Rückweg. Die Kanus lassen wir vereinbarungsgemäß am Parkplatz zurück, verlassen den Agonquin Park Richtung Osten und fahren bis zu unserem nächsten Quartier, einem kleinen Landhäuschen in Barry’s Bay.


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