Gala der Elefanten

Kandy. Wir (4 Personen und Fahrer) bewegen uns in unserem Kleinbus schon einige Tage im zentralen Sri Lanka. Wie die üppige Vegetation vermuten lässt, kann es hier relativ feucht sein, was wir später auf der Reise noch zu spüren bekommen. Es geht auf und ab, bis wir schließlich am späten Nachmittag in unserem Quartier etwas außerhalb des Stadtzentrums an einem bewaldeten Berghang ankommen. Nach einem Begrüßungsgetränk und kurzer Verschnaufpause bereiten wir uns auch schon auf den Abend vor. Wir werden an der nächtlichen Festveranstaltung in den Straßen Kandys teilnehmen, oder besser gesagt zusehen.

Vorangegangen ist die Diskussion über unsere Komfort-Wünsche mit Sampath, unserem Fahrer und zugleich Guide. Sitzplätze entlang der Prozessionsstraßen sind rar und jedenfalls teuer; das hatten wir schon recherchiert. Man kann Restaurantplätze buchen und an manchen Straßenecken sind je nach Platzangebot Minitribünen für eine Handvoll Personen aufgebaut. Nach zwei Telefonaten teilt er uns mit, dass er Sitzplatz-Karten auftreiben könnte. Bei einem Preis von über 50 Dollar und unserer Erwartungshaltung finden wir das überzogen und lehnen dankend ab. Wir wollen uns lieber frei bewegen und vermuten, dass wir ohnehin nicht bis zum bitteren Ende ausharren werden. Sampath mustert uns skeptisch. Sich in dem dann herrschenden Gedränge zu bewegen sei sehr schwierig, meint er. Er fragt sich, ob wir dem gewachsen sein werden? Und ob wir das sind.

An der Hauptstraße angekommen, ausgerüstet mit ein paar Tipps und der Vereinbarung, wo wir uns abholen lassen können, verabschieden wir uns von ihm. Als es zu dämmern beginnt, erkennen wir schnell, was mit dem prognostizierten Gedränge gemeint ist. Die Gehsteige füllen sich rasch mit Menschen, Einheimische und Touristen gleichermaßen, und sind wie angekündigt bald kaum noch passierbar. Und zwar deshalb, weil es sich viele Sri Lanker auf dem Boden Picknick-artig bequem machen. Hat die Prozession einmal begonnen, darf man auch die Straße meist nicht mehr benutzen. Gegenüber auf einem Balkon haben schon lange bevor es losgeht einige Gäste Platz genommen. Sie haben dort zwar gute Sicht, sind dafür jedoch nicht so nah am Geschehen.

Wir erkämpfen uns gewaltfrei an der Absperrung einen Stehplatz mit freier Sicht und wissen, dass wir ihn nicht verlassen dürfen. Andernfalls ist er sofort von anderen besetzt. Gelegentlich ernten wir Blicke des Missfallens, nicht zuletzt, weil wir etwas größer sind als viele Sri Lanker und manche Aussicht versperren. Oder, weil sich in der Nachbarschaft eine größere Familie niederzulassen gedenkt und nicht alle Verwandten und Freunde Platz finden. Wir bleiben standhaft im doppelten Sinn. Es ist nahezu dunkel, als quasi als Vorhut zwei Elefanten mit ansehnlichem Hüftschwung ihre Reiter vorbeischaukeln. Jene, die Elefanten, sind mit kunstvoll bestickten Decken geschmückt. Dann passiert wieder einige Zeit nichts mehr und die Spannung steigt.

Gegen 20 Uhr geht es dann los und zwar so richtig! Die nahezu ganz mit den im Licht der Laternen und Fackeln funkelnden und leuchtenden Decken verhüllten Elefanten wechseln gruppenweise mit Peitschenknallern, Feuerjongleuren, Tänzern und Orchestern. Die Musikergruppen mit Trommlern und Flötenspielern lassen uns die traditionelle Musik eindringlich erfahren: Sie schwillt zu einer beeindruckenden Lautstärke an, wenn uns eine Gruppe passiert, und wieder ab, bis sich die nächste Gruppe nähert. Begleitende Fackelträger versorgen uns zwar kurzfristig immer wieder mit beißendem Rauch, wenn sie dicht vorbeigehen, tauchen die Szene aber in ein stimmungsvolles Licht.

Das Wechselspiel wiederholt sich bis zu einem quasi-Höhepunkt: Ein riesiger Elefant mit funkelndem Gestühl samt Reliquienschrein, flankiert von auf ihren Tieren ebenso hoch sitzenden Wächtern. Die Trommelwirbel sind vielleicht noch eine Nuance lauter. Nach dem Höhepunkt: geht es wie gewohnt weiter. Die gesamte Show ist beeindruckend anzusehen, dafür nicht leicht zu fotografieren, denn das Licht ist dürftig. Zum Glück ist man in Zeiten der digitalen Fotografie flexibel. High ISO ist schnell eingestellt und geht schon bis zu jenem Grad, den persönliche Qualitätswünsche bestimmen. Oder zwischendurch mal kurz ein Video mit derselben Kamera?

Es ist angenehm warm und Befürchtungen von Regenschauern aufgrund der in dieser Gegend und zu der Jahreszeit unsicheren Witterung werden zum Glück nicht wahr. Eine nicht enden wollende Karawane zieht an uns vorbei. An einem Abend sollen bis zu hundert Elefanten teilnehmen; für die Besitzer eine große Ehre, wenn ihre Tiere ausgewählt werden. Und es sind etliche stattliche Exemplare dabei. Die Elefanten unterscheiden sich angeblich etwas von denen in Indien. Für uns ist aber auf den ersten Blick kein Unterschied festzustellen. Unsere Erwartungen von der Veranstaltung werden übertroffen, wir sind begeistert und froh, diese Gelegenheit erhalten und genutzt zu haben. Dennoch reicht unsere Geduld nicht bis zum Ende.

Zwischen 23 und 24 Uhr machen wir uns langsam auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt. Das haben wir Sampath kurz vor dem Aufbruch telefonisch mitgeteilt. Das Gedränge ist zu der Zeit schon nicht mehr so groß und die Abstände der Prozessions-Gruppen werden etwas größer, sodass die Überquerung der Straße problemlos möglich ist. Wir sind einige Minuten vor ihm auf dem Parkplatz, da sich der Straßenverkehr während der Festlichkeiten in einem Ausnahmezustand befindet. Am folgenden Tag werden wir uns den Zahntempel (mit Buddhas Zahn und weiteren heiligen buddhistischen Reliquien), Sri Dalada Maligawa, ansehen. Der Gebäudekomplex ist Ausgangspunkt bzw. Ziel des allnächtlichen Festzugs. Mehr dazu gibt es im Reisebericht Sri Lanka.