Mona Lisas Nachbarn

Gibara, Kuba. Tatsächlich war die mit geschätzten 70000 Einwohnern gar nicht so kleine Stadt früher der Zugang der Provinzhauptstadt Holguin zum Meer und wurde durch die Bahnverbindung als Zuckerexporthafen genutzt. Seit 1958 besteht keine Bahnverbindung mehr und der Ort ist in Bedeutungslosigkeit versunken. Den Eindruck haben wir bei unserer Ankunft auch. Es ist allerdings Juli, früher Nachmittag, also „angenehm warm“, sodass sich die Bewohner kaum auf der Straße aufhalten. Da GPS-Geräte in Kuba zu der Zeit noch verboten sind und Internet mit digitalen Karten sowieso nicht verfügbar, sind wir sehr analog unterwegs. Wir hatten nur drei Nächte am Beginn der Reise in Havanna gebucht. Nun ist unser Helferlein der für Kuba empfohlene Lonely Planet Reise- und Hotelführer. Diese Guides sind bekannt und gut, allerdings nicht in jedem Land gleichermaßen.

Anreise nach Gibara

Landstraße – vereinzelte Autos. Die Polizisten haben ncht eben eine abwechslungsreiche Aufgabe.
Die Felshügel bieten ein wenig Abwechsung in der eintönigen Landschaft.
Manche sind sehr entschleunigt unterwegs. Ein Auto kann sich jedenfalls nicht jeder leisten.

Im Lonely Planet haben wir also ein vielversprechendes Privatquartier entdeckt, das wir nun ansteuern und … es wurde nicht zu viel versprochen. Die „Casa de los Amigos“ ist hinsichtlich Erscheinungsbild als eine der erstaunlichsten und außergewöhnlichsten Casas des Landes beschrieben. Und wahrlich, kurz nachdem wir die zu der Zeit noch sehr unscheinbare Eingangstür durchschritten haben, können wir das vollinhaltlich bestätigen. Heute ist auch die Hausfront adäquat den Innenräumen gestaltet; wir haben dafür den Überraschungseffekt. Und noch besser: auch kulinarisch wird uns Köstliches geboten. So wie wir es insgesamt auf der ganzen Reise in den Privatquartieren erfahren haben. Man hat uns den Tisch vielfach derart reichlich gedeckt, dass wir nur einen Bruchteil verzehren können und das Übrige sehr gern den Gastgebern gönnen.

Zurück zum Ambiente. Wir befinden uns im Refugium einer ausgewanderten französischen Künstlerin, deren Hobby das Nachempfinden der Stile berühmter Künstler bzw. das Kopieren des einen oder anderen Werks zu sein scheint. In den Gemeinschaftsräumen sehen wir Südsee-Mädchen à la Gauguin neben Bildern, die an einige weitere internationale Meister erinnern und … Mona Lisa. Neben der Eingangstür steht stolz und überlebensgroß in einem virtuellen Torbogen ins Freie kein anderer als Che Guevara. Alle Wände des Hauses sind mit dekorativen oder raumillusorischen Motiven aller möglichen Stilrichtungen verziert oder einfach dekorativ bemalt. Im Innenhof empfängt uns eine Skulptur von Don Quichote zu Pferd in kämpferischer Pose. Die Zimmer sind zwar nicht mehr mit bildhaften Motiven ausgestattet, aber ebenso liebevoll auf eher minimalistische aber nicht zurückhaltende Art gestaltet. Wir sind überwältigt!

Casa de los Amigos

Nichtsdestoweniger verlassen wir die pittoreske Einrichtung noch einmal, um die Gegend zu erkunden. Vielleicht entdecken wir ja noch einen idyllischen menschenleeren Strand … Wir fahren also die Küste entlang nach Nordwesten, stoppen kurz bei einem Schiffswrack aus den 1958ern(?), passieren ein Windrad-Pilotprojekt von Fidel C., geraten zwischen Bäumen und Sträuchern auf eine richtig staubige Piste und landen schließlich in einer kleinen Bucht. Ein paar Hütten und Fischerboote und … ein klitzekleiner Strand. Einsam? Mitnichten. Einladend? Auch nicht wirklich. Warum? Nun, eine echte Sau badet in Ufernähe mit ihren Ferkeln. Nicht weit entfernt plantschen ein paar Kubaner ebenso und im tieferen Wasser dümpeln Jugendliche mit einem aufgeblasenen Traktorschlauch in den Wellen. Der Autor wagt sich, wenn schon mal hier, in das nicht allzu kühle Nass, die Begleiter verweigern. Erfrischend ist es allemal, die Schweine stören nicht und Verunreinigungen sind nicht zu sehen.

Der Windradpark hat uns überrascht ...
... wir haben keine weiteren in Kuba gesehen.
Ende der befestigten Straße
Der ersehnte Strand ...
... für Manche bedingt einladend
Ein Stück weiter wieder raue Küste

Wieder in unserem Wunderland duschen wir und bereiten uns für das Abendessen vor. Der Tisch wird wie schon erwähnt reichlich gedeckt. Es fehlt uns an nichts. Müde von der Reise und dem Abendessen, suchen wir keine Unterhaltung außer Haus mehr und begeben uns alsbald zur Ruhe. Ach ja, auf der Anreise sind wir in eine Straßenbaustelle mit Asphalt-Arbeiten geraten und weil etwas zu schnell dran, haben wir unseren blütenweißen Seat mit reichlich Teerspritzern dekoriert. Wie werden wir das bei der Rückgabe erklären? Nicht nötig: Ein Nachbar unserer Gastgeber bietet an, das Fahrzeug zu säubern, fragt noch nach Lösungsmittel, welches wir natürlich auch nicht bieten können. Wie er es geschafft hat und wie lange er benötigte, haben wir lieber nicht gefragt, ihn aber am folgenden Morgen für das tadellose Resultat angemessen (hoffentlich) entlohnt.

Der Papagei des Hauses leistet uns Gesellschaft

In Gibara scheint wirklich nichts los zu sein, also beschließen wir am Vormittag, in das nicht allzu weit entfernte und auch bei europäischen Touristen bekannte Guardalavaca („Hüte die Kuh“) zu fahren. Das haben wir ohnehin geplant. Die auf der Papierkarte eingezeichnete Verbindungsstraße im Landesinneren – direkt entlang der Küste ist es nicht zu erreichen – scheint gut ausgebaut; also los. Irrtum: die Straße ist breit und hätte gut ausgebaut werden sollen. Leider hat man hier „die Schaufel in der Erde stecken lassen“; 50 km entsprechend zeitaufwändige Fahrt über weitgehend holprige Sandpiste. Erst auf der Zufahrtsstraße nach Guardalavaca haben wir wieder Asphalt unter den Rädern, wenn auch ziemlich löchrigen. Es ist Samstag und die Kubaner cruisen mit ihren mehr oder weniger restaurierten oder klapprigen amerikanischen Straßenkreuzern ans Meer. Und dorthin – an den öffentlichen Strand – begeben uns auch wir. Ein interessantes Erlebnis …

Unbeschwertes Leben am Strand
Abreisevorbereitung – der Bus wird aufgebaut.
Diese Ausführung ist schon startbereit.

Es ist Samstag und die kubanischen Familien verbringen einfach das Wochenende am Strand. Einige stehen in kleinen Gruppen im warmen Wasser und trinken aus Bechern, was sie in einem Kanister mitgebracht haben – vielleicht Rum? In Ufernähe ist einiges los, unbeschwert baden für uns kaum möglich, so verzichten wir darauf und entspannen uns einfach. Manch einer sieht uns fragend an; warum wir uns denn nicht in einem der nahen Touristen-Resorts aufhalten. Hier sind wir die Exoten. Interessant wird es noch einmal, als am späteren Nachmittag die Busse für die Rückreise klargemacht werden, oder das, was als Oben-Ohne-Bus verwendet wird. Nach diesem Anblick brechen auch wir auf und fahren – diesmal auf der längeren aber immerhin asphaltierten Route über Holguin – nach Gibara zurück. Morgen geht es weiter nach Santiago de Cuba.


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