Erleben oder fotografieren

Der Klassiker, die blaue oder goldene Stunde, dauert tatsächlich nur einige Minuten.

Ein ewiges Thema, das besonders auf Reisen eine Rolle spielt, da viele den Fotoapparat – heute auch das Mobiltelefon – ständig im Anschlag haben. Verhindert das bildliche oder filmische Dokumentieren der Situation das Erleben? Grundsätzlich würde ich das aus eigener Erfahrung ohne Zögern mit JA beantworten. Dann kommt gleich ein JA, ABER … Erlebnis ist nicht gleich Erlebnis. Besondere Stimmungen, Empfindungen, die oft nur einen Moment anhalten, sind im nächsten Augenblick verpasst und können nicht zurückgespult werden. Ist das potenziell zu Erlebende jedoch ein visuelles Motiv, ist es umgekehrt. Gesehen ist da meiner Meinung nach zu wenig und zu schnell vergessen. Und mit schönen Fotos kann man ja ebenso andere erfreuen, beeindrucken, oder Anreiz zur Reise schaffen.

Eine Geparden-Familie streift entspannt wenige Meter neben dem Weg durch die Savanne und posiert anschließend noch in etwas größerer Entfernung für die Fotografen. Wenn man auf dem Dach des Andenzugs sitzend stundenlang an steilen Abhängen entlangschaukelt, dass einem zeitweise der Atem stockt, ist es vielleicht besser, man „genießt“ das nicht allzu sehr und ist mit dem Fotografieren etwas abgelenkt. Hat man es mit einer statischen Situation zu tun, kann man beides, den herrlichen Ausblick über die Golden Gate Bridge in der Abenddämmerung auf sich wirken lassen, nebenbei auf den Infrarotauslöser drücken und den Moment mit einer Langzeitbelichtung festhalten, oder mit mehreren ...

Die schlanken Geparden stolzieren mit elegantem Hüftschwung durchs hohe Gras.
Keinen Schritt weiter ...

Damit sehe ich überwiegend Vorteile für das Fotografieren, wenn man denn eine ausgeprägte Neigung dazu hat. Man kann später die Farben verblassender Erinnerung jederzeit wieder auffrischen. Wenngleich ich tatsächlich den Finger auch mal vom Auslöser abziehe oder die Kamera in der Tasche lasse. Gut daran täten vielleicht auch manche Selfie-Fotografen. Man hört immer wieder von mitunter sogar tödlichen Unfällen und sehr gefährlichen Situationen, in die sich diese Aktionisten dabei bringen. Aber auch ein Profifotograf kann auf der Jagd nach DEM Fotomotiv (tödlich) verunglücken. Die Frage, die sich schließlich noch stellt, ist, wieviel Aufwand und damit Aufmerksamkeit dem Dokumentieren eingeräumt wird. Da gibt es einen großen Spielraum, der sich in Qualität, Quantität, Inszenierung, Risiko oder worin auch immer äußert.

Apropos Risiko: Es kommt doch gelegentlich vor, dass einem die Entscheidung abgenommen wird. Nämlich, dann, wenn Fotografieren nicht erwünscht oder gestattet ist. Das betrifft oft Menschen, die gar nicht gern sehen, fotografiert zu werden, was beispielsweise in islamischen Ländern zu erheblichen Problemen für den Fotografen führen kann. Spätestens dann, aber sowieso generell, sollte man das Persönlichkeitsrecht unbedingt respektieren. Bei militärischen und teilweise behördlichen Einrichtungen gibt es in den meisten Ländern deutliche Restriktionen. In manchen Museen sollte man sich auch auf das Erfassen der Objekte mit Augen und Gedächtnis beschränken. Hier und da kann man sich selbst einfach grundsätzlich die Frage stellen, ob denn alles fotografiert werden muss und heutzutage noch viel wichtiger: das Posten im Internet ist eine Entscheidung, die man sich sehr gut überlegen sollte.

Die Dame ist eine staatliche Angestellte und bekommt ein Entgelt fürs Fotografieren.

Zurück