Qual der Nichtwahl – Kapitel 2

Zugegeben, 26er Laufräder sehen bei 178 cm Körpergröße eher klein aus. Downhill, mit abgesenktem Sattel, ist der Schwerpunkt aber tief genug, um das zu relativieren.

Die Überlegungen zu diesem Beitrag stellte ich zu einem Zeitpunkt an, als Mountainbike-Hersteller gerade Bikes mit nur noch 1 Kettenblatt und 11 Zahnkränzen hinten auf den Markt brachten. Der Übersetzungsbereich (Entfaltung) reduzierte sich damit deutlich. Details dazu später. Wie in Teil 1 zu diesem Thema bereits erwähnt, habe ich ein paar Ersatzteile für mein 26er Fully „eingelagert“, bei denen mir die Verfügbarkeit nicht mehr gesichert scheint. Ich möchte das Gerät noch einige Zeit fahren. Verschleißteile werden hoffentlich noch ein paar Jahre verfügbar sein. Warum soll man die „Handels-Trends“ mitmachen, wenn man mit seinem Bike zufrieden und nicht über 1,9 Meter groß ist? Auch wenn sich angebliche Erkenntnisse ändern – hier geht es ja nicht primär um Sicherheit.

Nun zu den technischen Änderungen der vergangenen Jahre – seit ich mein Bike 2013 kaufte. Für Erwachsene gibt es also jetzt 4 Fahrrad- bzw. Laufradgrößen, die „alten“ 28 Zoll Trecking-/Tourenräder, Mountainbikes in 26 Zoll und die „neuen“ in 27.5 Zoll (650B) und 29 Zoll (Twentyniner). 29er kamen zuerst auf den Markt. Man stellte dann fest, dass die Radgröße für kleinere Menschen vielleicht doch nicht ideal ist? Es folgten die 27.5er. Hätte man es da nicht einfach bei den 26ern belassen können? Hätten nicht 28er Laufräder statt der 29er gereicht? Für die Industrie scheint der Wechsel – Maschinenumstellung – heute nicht mehr das Thema zu sein. Der Kunde, zumindest der Hobby- oder Freizeit-Biker, hat da jedenfalls kaum die Anforderungen gestellt.

Was bedeutet das für die heutige Mountainbike-Familie? Fährt die Frau ein 27.5er, weil sie etwas kleiner ist, und der Mann ein 29er, haben sie noch 28er für Alltagsfahrten, muss man schon mal 3 Schlauch- und Reifengrößen vorhalten. Zugegeben, ein „Hühne“ mit 1,90 Metern auf einem 26 Zoll Bike mit endlos langer Sattelstütze sah schon „interessant“ aus. Kleinere Räder machen das Bike etwas „nervöser“, verzeihen damit weniger Fehler, machen das Gefährt im Gegenzug dafür wendiger. Jeder entscheidet, was ihm lieber ist, allerdings zukünftig nur noch zwischen 29 und 27.5 Zoll, wobei viele 27.5er als „Damenbikes“ verkauft werden …

Geht es an die Komponenten, auch Verschleißteile wie die Kette, wird es kompliziert. Anteil hat da natürlich auch die technische Entwicklung, der man sich nicht verschließen kann, z. B. Erweiterung der Zahnrad-Kassetten. Mehr Zahnräder bei faktisch nicht zunehmender Gesamtbreite bedeutet engeren Stand und die Notwendigkeit schmälerer Ketten. Mein erstes Mountainbike hatte 8 Zahnkränze, das zweite 9 und das Trek-Fully nun 10, Standard sind heute mindestens 11 und im hochpreisigen (noch?) Segment bereits weitgehend 12. Das größte Ritzel hat da schon 50 Zähne, im Gegensatz zu meinem größten Kettenblatt mit 40! Die 12-fach-Kassette mit 10-50 verlangt dem Umwerfer schon einiges ab.

Mit der Entwicklung der 12-fach-Kassette wird die Sache aber fragwürdig – wie gesagt immer für Amateure und Hobbybiker gedacht. Und zwar in der Auslegung der Komponenten: Erklärtes Ziel dürfte das Weglassen des vorderen Umwerfers gewesen sein. Der Wettkampffahrer kann sich auf eine Schaltung konzentrieren – sicher zweckmäßig. Nachteil: Die Schrägstellung der Kette nimmt zu, was zu höherem Verschleiß führt. Die Materialien müssen hochwertiger sein, was sich auch im Preis niederschlägt. Außerdem muss der hintere Werfer einen deutlich erweiterten Größenbereich bewältigen. Bei Wettkampfteams ist das kein Thema, für Hobbybiker schon, denn sie werden mehr oder weniger dazu „verurteilt“, auch diese neu ausgelegten Bikes zu kaufen.

Die Zwischenphasen der Entwicklung waren besonders ungünstig. Anfangs reduzierte man vorn die Kettenblätter auf zwei, was bei 10-fach-Kassette eine deutliche Reduzierung der Entfaltung (Über-/Untersetzungsbereich) zur Folge hatte. Das war natürlich unbefriedigend und man entwickelte also die 11-fach-Kassette. Damit konnte man wieder ein annähernd entsprechendes Verhältnis schaffen. Nun wollte man die vordere Schaltung eliminieren, also nur noch ein Kettenblatt. Derartig ausgestattete Bilkes kamen einige auf den Markt, wurden gekauft und die Biker stellten fest, dass die Entfaltung deutlich reduziert war. Es kam die 12-fach-Kassette auf den Markt. Wer sein hochwertiges Bike nun umrüsten wollte, musste noch mal tief in die Tasche greifen und muss zukünftig mit teureren Verschleißteilen rechnen. Ist das wirklich nötig?

Von oben: 10-fach-, 11-fach- und 12fach-Kassette, jeweils mit kleinster und größter Anzahl Zähne
Wer sein einigermaßen hochwertiges 26er MTB vor 2014 gekauft hat, fährt vielfach heute noch damit, auch wenn er eine Körpergröße hat, die 29er Laufräder „rechtfertigen würden ...“

Wie sieht es 2019 aus? Die Entfaltung der 1 x 12 Technik kann nur fast mit der 2 x 11 mithalten, die wiederum etwas unter der von 3 x 10 liegt. Die Kosten unterscheiden sich aber markant, zumindest derzeit. Die Mehrheit der Bikes ab dem mittleren Preissegment werden heute mit 12 Ritzeln angeboten. Höherer Verschleiß bei deutlich höherem Preis. Einige Hersteller haben noch ein paar 2 x 11 Modelle im Programm, für mich unter Berücksichtigung der verschiedenen Aspekte für Hobbyfahrer im Gegensatz zu 1 x 12 akzeptabel. Vermutlich wird es diese bald nicht mehr geben, so wie 3 x 10 praktisch nicht mehr zu bekommen sind. Was kommt noch? Lassen sich die Hersteller wieder etwas Anderes einfallen? Entwicklungen in der Materialkunde und Technik schön und gut. Wie es momentan aussieht, verlagert sich der große Markt in Richtung E-Bikes und da ist noch Entwicklungspotenzial in alle Richtungen vorhanden.

Passiert hier wie in vielen Lebensbereichen eine Polarisierung? Unmotorisiert wird mehr für Profisport entwickelt, das Klientel der Nichtprofis, das nicht in Richtung E-Bike-Markt abwandert, schrumpft und wird im Angebot kaum berücksichtigt?

Update: Mitte 2019 gibt es so gut wie keine fertigen Bikes mehr (ich checke meist Fullys, Allmountain-fähig, also Downhill-Spaß ohne Profi-Ambitionen) mit 2-fach-Kettenblättern und 11-fach-Kassette. Gute 12-fach-Kassetten kosten noch ein Mehrfaches der 10er oder 11er; Gefahr höheren Verschleißes inklusive – trotz besserer Materialqualität, ohne die der hohe Preis nicht einmal gerechtfertigt wäre! Beispiel: eine gute 10-fach-Kassette von Shimano kostet um die 50 Euro, eine 12-fache von Sram (Standardausstattung eines Fullys um ca. 2.500 Euro) ca. 170 Euro. Bessere 12er können auch über 350 Euro kosten (Stand 06/2019) ...

Ich sprach kürzlich mit einem Amateur-Rennradfahrer über das Thema im Allgemeinen. Die Situation mit Komponentenverfügbarkeit (nicht nur auf Kassetten und Kettenblätter beschränkt) gibt es im Rennradsport auch, er ist ebenfalls nicht zufrieden mit der Marktsituation. Und in dem Fall geht es um Bikes so um die 10.000 Euro!

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