Top-down and Bottom-up

Grand Canyon, USA

Grand Canyon. Das Nationalpark-Ticket haben wir in Tusayan gekauft und uns im Visitor Center informiert. Nach einem frühen Abendessen am Parkeingang fahren wir Richtung Grand Canyon Village mit einem ersten Zwischenstopp, um schon mal einen Blick auf das gigantische Naturwunder werfen zu können. Anschließend checken wir in der Bright Angel Lodge, quasi direkt am Rim, ein. Nun heißt es „nur noch“, unser erstes Abenteuer, den Abstieg zum Colorado River, vorzubereiten. Ebenso wie die Lodge haben wir lange vor der Reise auch den Platz am gleichnamigen Campground ganz unten gebucht, da die Anzahl sehr begrenzt ist. Wir wollen den ebenfalls Bright Angel genannten Trail absteigen und am folgenden Tag auf dem South Kaibab Trail etwas weiter östlich wieder aufsteigen. Alles ist eigentlich klar, oder?

Unser erster Blick auf das gigantische Naturwunder bei satter Abendsonne. Wir beschließen, hier den Somnenuntergang abzuwarten, bevor wir im Hotel einchecken.

Grand Canyon, USA
Grand Canyon, USA
Grand Canyon, USA
Grand Canyon, USA
Grand Canyon, USA
Bevor wir endgültig den Nationalpark betreten, leisten wir uns sicherheitshalber noch auf ein Steak ...

Warum beraten wir dennoch, ob wir die Tour unternehmen? Unsere Campingausrüstung befindet sich in unserem eingecheckten Fluggepäck … und das wiederum befindet sich in Los Angeles – Albtraum jedes Reisenden! Unser Flug von Wien nach London war deutlich verspätet gestartet, sodass wir in London buchstäblich in letzter Sekunde laufenderweise den Boarding-Schalter am Gate und unseren Flug nach Los Angeles erreichen. Das Personal hat bereits das Absperrseil in der Hand. Das Gepäck hat leider keine Beine und schafft den Umstieg nicht rechtzeitig. Unseren Kontaktmann in Los Angeles, Jason, betrachten wir als Glücktreffer, da wir ihn telefonisch immer erreichen können, womit wir nicht selbstverständlich gerechnet haben. Ohne ihn hätten wir unser Gepäck wohl kaum bekommen. Aber das soll noch etwas dauern ...

Man will uns das Gepäck mit FedEx ehestmöglich nachsenden, versichert man uns am folgenden Morgen, als wir noch einmal zum Flughafen fahren, um uns zu erkundigen und unsere Reiseroute bekanntzugeben. Diese Flugverbindung wird zum Glück täglich bedient und tatsächlich erfahren wir am Abend bei unserem ersten Zwischenstopp am Weg zum Grand Canyon, dass unsere Sachen in L.A. eingetroffen sind. Schon mal ein großer Schritt … Problem: Wir fahren am folgenden Morgen schon wieder weiter. Wir wollen an unserem Reiseplan festhalten, da wir einiges vorgebucht haben und sonst unsere ganze Reiseplanung zusammenbrechen würde. Zu wenig Zeit für FedEx …

Vorübergehend haben wir ein etwas gestörtes Verhältnis zu FedEx ...

Wir tappen mal eben nur auf ein klitzekleines Fleckchen des gigantischen Naturwunders. Der Grand Canyon ist bis zu 1800 Meter tief und ca. 450 Kilometer lang, 350 davon im Nationalpark.

Der Morgen verspricht schönes Wetter. Allerdings sind auch hohe Temperaturen zu erwarten.

Von der Bright Angel Lodge am Grand Canyon aus telefonieren wir am Morgen vor unserer Wanderung noch einmal mit Jason. FedEx benötigt mindestens 2 Tage und wir entfernen uns immer weiter von L.A. Die Verständigung hinsichtlich unserer Aufenthaltszeiten gestaltet sich „fremdsprachlich telefonisch“ schwierig. Eine Hotelangestellte hört mit und bietet uns ihre Hilfe an. In der Lodge sind wir nur eine Nacht, aber wir teilen ihr mit, dass wir eine Nacht im Canyon verbringen und dann noch eine Nacht in Tusayan, an der Nationalpark-Einfahrt. Sie gibt die Information an Jason weiter und es wird festgestellt, dass die Zeit reicht und unser Gepäck zur Lodge geliefert werden soll. Sollte es der dritte Tag werden, können wir notfalls von Tusayan noch einmal zurückfahren.

Die äußerst freundliche und hilfsbereite Hotelmitarbeiterin gibt uns einen Tipp, wo wir uns Ausrüstung für unsere Trailtour ausborgen können. Gesagt, getan, brechen wir schließlich mit allem Benötigten bestückt am Vormittag auf. Wir haben knapp 1400 Höhenmeter und ca. 15 Kilometer zu bewältigen. Bereits beim ersten Abschnitt brennt die Sonne erbarmungslos auf uns nieder. Halbzeit in der kleinen „Oase“ Indian Garden, es gibt etwas Schatten. Wie gehen den kleinen Umweg zu einer Felskante, dem Plateau Point, die auch von halber Höhe eine ebenso atemberaubende Aussicht wie vom Rim bietet und freie Sicht auf den etwa 700 Meter weiter unten fließenden braunen Colorado River gewährt.

Von Indian Garden aus erreichen wir nach kurzer Wanderung den Plateau Point mit atemberaubendem Blick auf die Schlucht und den Colorado River 700 Meter weiter unten.

Wir tauchen immer weiter in die Felslandschaft ein. Im oberen Bereich trifft man einige Turnschuh-Touristen an, die nur kurz das Canyon-Ambiente schnuppern wollen und dann wieder umkehren. Steigt man weiter ab, werden es schnell weniger. Bereits im Indian Garden begegnen wir niemandem mehr. Nur bettelnde Chipmunks tummeln sich dort ebenso wie am Rim. Allerdings sind auch wir zum Teil Turnschuhe-bestückt. Die Wanderschuhe befinden sich, hoffentlich, mit unserem Gepäck im FedEx-LKW zum Grand Canyon. Wir wandern also im Wesentlichen mit der Kleidung, mit der wir in den USA angekommen sind.

Da wir relativ spät gestartet sind, beginnt es nun bereits zu dämmern. Wir überqueren den Colorado (über eine Brücke) und sollten in Kürze den Campground erreichen. In dieser Richtung ist auch, ein Stück nach dem Campground, die Phantom Ranch zu erreichen. Das ist die luxuriösere Version der Unterkunft und per Maultier, wie wir einigen beim Abstieg begegnet sind, kann man diese vergleichsweise bequem, jedenfalls aber ohne Anstrengung erreichen. Der Weg ist nicht zu verfehlen, nach kurzer Zeit steht links ein Gebäude, offenbar die Sanitäreinrichtung der Camping-Anlage. Dann folgen auch schon kleine, durch Hecken begrenzte Plätze. Auf den ersten stehen bereits Zelte, wenig später finden wir einen freien. Schnell die Zelte aufstellen, was uns trotz unbekannten Leihmaterials gelingt … und schon ist es nahezu dunkel. Wir essen und verstauen das Übrige zum Schutz vor Wildtieren in den vorhandenen Food Lockers, kleine rostige Blechbehälter auf einem vorhandenen Tisch. Sonst gibt es nichts mehr zu tun und müde kriechen wir bald darauf ohne zu duschen in die Zelte. Es gibt hier unten nicht viel zu erkunden und so wollen wir am Morgen sehr früh wieder aufbrechen.

Tatsächlich schaffen wir es, um 6.30 Uhr den Campground zu verlassen und sind kurz darauf wieder auf der Colorado-Brücke. Die morgendliche Atmosphäre am Grund des Canyons und die Lichtstimmung zwischen den gewaltigen Felswänden hat etwas Beruhigendes. Der Colorado River rauscht verhalten, es zwitschern nur ein paar Vögel. Der weiter östlich verlaufende South Kaibab Trail ist etwas kürzer (knapp 11 km), dafür aber steiler und es sind sogar noch ein paar Höhenmeter mehr zu überwinden. Auch bietet er wenig Schatten, mit ein Grund für den frühen Aufbruch, denn es sind hohe Temperaturen zu erwarten. Das Panorama dieser Route braucht sich nicht vor dem des Bright Angel Trails zu verstecken. Beim Blick zurück beobachten wir ein Schlauchboot, das gemächlich den Colorado abwärts treibt. Die Strömung ist hier nicht stark.

Und es wird sehr warm, um nicht zu sagen heiß. Das etwas schwerere Leihequipment belastet uns zusätzlich zu der Tatsache, dass wir ja nun nach oben müssen. Wir schwitzen so richtig und merken es hier schnell im Gegensatz zum Spaziergang im Death Valley (siehe Beitrag dazu). Und andere sollen es später ebenfalls bemerken … Trotz Strapazen genießen wir die Ruhe und die beeindruckende Landschaft. Erst im obersten Abschnitt, wirklich ziemlich weit oben, begegnen wir wieder den Turnschuhlern. Bereits 10 Minuten nach High Noon sind wir am Trailhead. Mit dem Shuttlebus können wir wieder zur Bright Angel Lodge zum Auto zurückkehren und … hoffen, dass unser Gepäck bereits angekommen ist.

Erlebnis Busfahrt. Wir haben aus besagten Gründen sehr wenig Wechselkleidung dabei, kein Deo oder Parfum. Auch wenn wir am Flughafen eine kleine finanzielle Soforthilfe erhalten und auch für ein paar Dinge verwendet hatten. Wir hoffen immerhin auf unser Gepäck. Im Freien ist sehr „gebrauchte“ Kleidung kein solches Problem. Wir besteigen erschöpft aber zufrieden den ersten Bus, der nach unserer Ankunft am Rim erscheint … und merken selbst nach dem Einsteigen, dass wir, na ja, nicht mehr ganz frisch duften. Und den anderen Fahrgästen ergeht es genauso. Einzelne versuchen, einen Schal, dessen Vorhandensein bei den Außentemperaturen für uns zumindest verwunderlich ist, als Atemschutz zu verwenden; vermutlich mäßig erfolgreich, außer selbiger ist parfümiert genug.

Die Fahrgäste in unserer Umgebung rümpfen jedenfalls sichtbar die Nase, wir können uns ob der Gesichtsausdrücke das Lachen kaum verhalten. Wir haben Glück, man schmeißt uns nicht aus dem Bus und wir erreichen nach kurzer Fahrt die Lodge. Voller Hoffnung wenden wir uns an das Personal und … ja! FedEx hat geliefert, wir müssen nicht weiterzittern und -stinken. Die Reise kann nun mit voller Rückendeckung weitergehen, und zwar wortwörtlich, da ab nun der Kofferraum bis zum Dach dicht gefüllt sein wird. Die Herausforderung ist, das Auto jedes Mal nach einem ausgeklügelten System zu beladen.

Grand Canyon, USA

Als wir uns im Visitor Center wieder abmelden, entdecken wir erst jetzt eine Tafel, die Canyon-Wanderer warnen soll. Vor einigen Jahren starb eine Marathonläuferin bei einer geplanten 24 Kilometer Wanderung. Aufgrund von Orientierungsproblemen legten sie aber eine weit längere Streclke zurück. Sie war in Begleitung ebenfalls am Vormittag aufgebrochen und sie hatten, wie auch wir, jeder 1,5 Liter Wasser dabei. Wir mussten aber bis zu einer Wasserquelle nur 15 Kilometer bewältigen und waren auch mit mehr Nahrungsmitteln ausgestattet. Am Nachmittag ging ihnen das Wasser aus und bei über 40 Grad (bei uns war es nicht ganz so heiß) fürchteten sie zu dehydrieren. Ohne Kartenmaterial hatten sie sich verirrt und legten eine wesentlich längere Strecke zurück. Sie trennten(!) sich schließlich zur Hilfesuche. Die Begleitperson war erfolgreich, die Sportlerin wurde erst zwei Tage später leblos gefunden. Wir hatten Karten, in denen unsere beiden Trails eingezeichnet waren, ein GPS-Gerät und keine Angst uns zu verirren; ohne jedoch Ambitionen zu haben, abseits des geplanten Wegs die Gegend zu erkunden.