Verschollen am Monte Ferru

Cuglieri. Der kleine, 479 Meter hoch, nicht weit von der Westküste entfernt gelegene Ort ist unser Standort auf Sardinien. Bereits vor Abreise waren mittels einschlägigem Online-Kartenportal einige Routentracks rund um das Monte Ferru Bergmassiv südlich von Cuglieri gespeichert worden. Die geologisch sehr alte Gesteinsformation vulkanischen Ursprungs ist sozusagen der „Hausberg“ des Orts. Also eine Route ausgewählt und nach einem gemütlichen gemeinsamen Frühstück voller Elan und GPS-bestückt los. Die Damen winken ab und wollen lieber baden gehen. Also wird es eine Solotour. Kleiner Nachteil, wenn man allein fernab jeder Ansiedlung unterwegs ist: Bei fahrtechnisch anspruchsvollen Passagen sollte man doch vorsichtig sein. Hilfe gibt es im schlimmsten Fall keine, mitunter nicht einmal Empfang fürs Mobiltelefon.

Cuglieri
Blick nach NW über Cuglieri, das knapp 10 km Luftlinie von der Westküste entfernt liegt.
Cuglieri, Sardinien

Die kleine Gemeinde mit etwa 2670 Einwohnern gehört zur Provinz Oristano. Die gleichnamige Provinzhauptstadt liegt etwa 40 Kilometer weiter südlich, nah an einer großen Bucht.

Die ersten 15 Kilometer bis zum Meer sind noch keine besondere Herausforderung. Auf der Straße könnte man das Bike fast bis zum Meer rollen lassen. Ich habe jedoch eine Route gewählt, die nicht auf der Hauptstraße verläuft, sondern in einem Bogen etwas näher zum Meer durch die Macchia, aber befestigt und manchmal einspurig asphaltiert. Kein Autoverkehr jedenfalls und daher entspannter, aber etwas länger! Hier geht es schneller bergab, dafür muss ich dann unten doch ein wenig treten. Ich erreiche ebenso wie auf der Straße Santa Caterina, einen kleinen Badeort, fahre noch gut einen Kilometer die Küstenstraße entlang und wende mich dann nach Osten dem Monte Ferru zu.

Zuerst noch befestigt, dann immer "idyllischer" auf Schotter, keine Menschenseele mehr weit und breit. Die Temperatur steigt – bestes Badewetter für die Damen – und Schatten ist anfangs in der Macchia Mangelware. Irgendwann ist dann auch der Weg Mangelware: offenbar ein Dead End. Das eine oder andere "Weidegatter" – eine angeblich auf Sardinien noch gar nicht so lange übliche Eingrenzung des Besitzes, aus heimischen Gefilden aber bekannt – musste ich bereits übersteigen. Nun ist Schluss. Das mobile Garmin-Gerät mit relativ kleinem Display ist nicht gut zum Suchen alternativer Wege geeignet und reagiert auch etwas träge. Also das vorsorglich eingerichtete "Backup", Handy mit alternativer Kartensoftware, nämlich der des einschlägigen Kartenportals (natürlich offline gespeichert), angeworfen. Dort kann ich nun erahnen, dass ich teilweise Wanderpfade in die Routenplanung miteinbezogen habe. Diese als solche existierten kaum, wenn sie nicht mit landwirtschaftlichen Zielen identisch sind, oder hören einfach im Nichts auf. Die Gegend ist freizeittouristisch kaum erschlossen.

Die schließlich (gegen den Uhrzeigersinn) gefahrene Route. Ursprünglich wäre das letzte Viertel viel weiter östlich verlaufen und ich hätte mich Cuglieri von SO wieder genähert. Das Kartenprogramm hatte sich offenbar „gedacht“, dass kleine Überbrückungen von ein paar hundert Metern zwischen den Wegen kein Problem sind. In dem Gelände leider unmöglich. Ich muss also durchgehende Wege finden, was mir zwar gelingt, doch treffe ich schließlich kurz vor dem Ort und viel weiter westlich als geplant wieder auf die Landstraße, die ich am Vormittag zum Meer hinuntergerollt bin. Dazwischen ist allerdings einige Zeit vergangen ...

Warum hier keine interaktive Karte mit eingezeichnetem Track? Nun, das Nachfahren bzw. teilweise „Nachgehen und -klettern“ ist nicht zu empfehlen. Ich musste zwei oder drei Gatter übersteigen und einen Pfad, der Downhill-Spaß versprochen hätte, in der anderen Richtung, also bergauf, ca. 35 bis 45 Minuten schieben. Beim nächsten Besuch ist die Herausforderung, eine fahrbare Route zu finden. Möglicherweise könnte man das umgekehrt testen, hat dann allerdings am Schluss mindestens die 15 Kilometer und ca. 480 Höhenmeter von Santa Caterina am Meer wieder nach Cuglieri hinaufzufahren.

In einiger Entfernung weiden ein paar Schafe. Zum Glück ist kein unbeaufsichtigter Hirtenhund zu sehen, denn die sollen ausgesprochen "aufmerksam" und proaktiv agieren. Die Sonne brennt sich inzwischen in den ausgetrockneten Boden. Eine Art Scheune in 100 Metern Entfernung scheint halb verfallen, kaum benutzt und jedenfalls eben menschenleer. Wie auch die ganze Gegend erscheint. Nur ein Pillendreher zu meinen Füßen ist hektisch unterwegs. Er weiß offenbar, wohin er seine Dungkugel rollen will. Die Dimensionen seines Lebensraums helfen mir allerdings nicht beim Finden meines Wegs. Ich beschließe, mich weder den Schafen noch der Scheune zu nähern. Also wieder ein Stück zurück und eine andere Abzweigung wählen, wo noch die Wahlmöglichkeit vorhanden ist.

Es geht weiter, die grobe Richtung stimmt. Die Sonne heizt erbarmungslos und die Trinkreserven werden weniger. Wieder ein Weidegatter. Immerhin lässt sich dieses öffnen, ich muss nicht oben drüber. Hier geht sogar ein Wanderpfad weiter nach oben. Wäre ein wunderbarer Singletrail durch niedriges Gesträuch … in der anderen Richtung. Das heißt für mich absitzen. So geht es ab nun weiter: ein Stück fahrbar, dann wieder ein Stück schieben, dazwischen immer wieder ein Blick auf die Karte, damit die grobe Richtung stimmt. Es folgt ein guter Forstweg, der irgendwann in meiner Richtung nicht mehr weitergeht. Auf der Handy-Karte ist das Einzoomen praktikabel und ich kann bei einer Abzweigung rechtzeitig eruieren, ob ein Weg im Nichts aufhört.

Pause auf der Alm. Der Weg geht hier nicht weiter. Zeit für ein paar Sekunden Video. Der kleine Pillendreher schiebt die Dungkugel, Kinderstube für seine Nachkommen, unbeirrt und auf höchst akrobatische Weise vor sich her.

 

Sound: Kevin MacLeod (incompetech.com); Licensed under Creative Commons: CC-BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/)

Schon längst habe ich mich quasi Richtung Cuglieri gewendet, vom ursprünglichen Routenverlauf ist keine Rede mehr. Am Ende verfehle ich noch einmal das angepeilte Ziel südöstlich von Cuglieri – auch hier fehlt ein Verbindungsweg – und fahre einen kleinen Bogen nach Westen. Es ist schon später Nachmittag. Kurz bevor ich nach einem jungen Korkeichenhain auf die Straße nach Cuglieri einbiege, werde ich mit einem unglaublich kitschigen Postkartenmotiv belohnt. Vor mir etwas erhöht liegt der Ort im satten Nachmittagslicht und als ich über eine Hecke blicke, sehe ich zwei stolze braune Pferde, die zusammen mit den blühenden Sträuchern ein geniales Vordergrundmotiv abgeben. Fotoapparat angelegt, ein Ruf in Richtung Pferde, sie blicken zu mir und „klick“. Für einen Moment habe ich den Durst vergessen; die Reserven sind längst aufgebraucht.

Den letzten Anstieg gilt es noch zu bewältigen und dann ist Cuglieri nach 55 Kilometern und 1350 Höhenmetern erreicht. An sich keine beeindruckenden Kennzahlen. Wenn man allerdings bedenkt, dass einige Abschnitte gehend mitsamt Bike zu bewältigen waren und gelegentlich ein Dead End für zusätzliche Verzögerung sorgte, durchaus ein kleines anstrengendes Abenteuer. Resümee: Das nächste Mal fahre ich die Tour andersherum. Dann habe ich zumindest etwas von dem Singletrail-Abschnitt. Und: ortsunkundig sollte man derartiges ohne GPS lieber nicht versuchen – allzu schnell hat man sich verirrt. Wenn man ohne Fahrrad notfalls ein Hindernis überklettern kann, um eine festgelegte Richtung zu behalten, geht es noch eher. Wenngleich die Macchia mitunter dermaßen dicht ist, dass auch dann an ein Weiterkommen kaum zu denken ist. Mit einem Bike im Gepäck stößt man schnell an unüberwindliche Grenzen.

Am Abend fahre ich – mit dem Auto – noch einmal zu der Kitschpanoramastelle. Wie vermutet, ist der Standort ebenfalls hervorragend für ein Foto zur „blauen“ bzw. „goldenen“ Stunde geeignet. Die Pferde sind nicht mehr dort. Abwechselnd auf den Auslöser drücken und vor den in der Dämmerung sehr lästigen Gelsen (Mücken) flüchten. Dann, nach einem anschließenden gemeinsamen Abendessen ist auch dieser Tag vorüber.